Ausstellung bei “Kunst in der Kanzlei” – Eindrücke und Laudatio

    Alle Bilder von Annete Seybold

    Die Kanzlei reichert & reichert bezeichnet sich selbst als Querdenker-Kanzlei mit frischen Ideen. Das Ehepaar Verena Kern-Reichert und Dr. Hansjörg Reichert bietet jungen sowie bereits etablierten Künstlern aus der erweiterten Bodenseeregion eine besondere Plattform: In wechselnden Ausstellungen werden in Ihren Konstanzer Kanzleiräumen am Seerhein Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen und Fotografien präsentiert.

    Zuletzt wurden Künstler wie Ulrike Roller, Sabine Hemming und Daniel Ballweg kuratiert. In den Reigen dieser großartigen Künstler wurde ich nun mit meiner Foto-Serie „Reichenau – Zwischen Himmel und See“ aufgenommen.

    Die Vernissage zur Ausstellung fand am 13. November 2015 statt. Die Kanzlei reichert & reichert sorgte für einen tollen Rahmen mit Jazz-Musik von Kaj Berlinger und kleinen Köstlichkeiten. Die Laudatio vor rund 100 Gästen hielt Siegmund Kopitzki. Die Ausstellung läuft bis zum 15. Juni 2016.

    Radio-Beitrag zur Vernissage – Achtung: startet mit lustiger Musik 😉

    LISA KAISER, Radio Seefunk RSF

    Künstlerflyer von Michel Bieler-Loop als pdf zum Download

    reichert & reichert

    Auszüge aus der Laudatio

    “Seine Fotografien riechen noch nach Wirklichkeit. Und wer will, kann in ihnen ein respektables künstlerisches Tun erkennen. (…) Diese Fotografie ist (…) nach altmeisterlicher Art komponiert. In der Sprache der Kunst: Er “malt” Landschaften, die Stillleben gleichkommen. Das einzig Aufgeregte, will mir scheinen, sind dabei die Wolkenbilder. Sie schaffen Dramatik. Das ist ein bekanntes Mittel der Malerei. Denken Sie an den englischen Licht- und Wolkenmaler William Turner, der übrigens auf seinen Reisen am See-Rhein weilte und uns drei Konstanz-Blätter hinterließ.

    Aber tatsächlich schildert Michel Bieler-Loop Natur nicht einfach 1 zu 1. Das machten die Pioniere der Fotografie, woraufhin sich die Malerei der Moderne davon verabschiedete und auf Farbe und Form setzte. (…) Kunstlos ist die Fotografie von Michel Bieler-Loop indessen nicht. Er liefert – auch dank technischer Möglichkeiten – eine gegenüber der Realität nochmals “aufgehübschte” Version vom Gnadensee, von der Reichenau, vom Inseldamm, vom Münster in Mittelzell. (…)

    Die immer wieder verwendete kurze Brennweite des Objektivs schafft Weite und Raum, setzt das Große und das Kleine in eine ganz besondere Beziehung zueinander. Auch die unverschämte Klarheit seiner Fotografien ist kein Himmelsgeschenk, sondern Teil des Suchspiels nach dem geeigneten Sujet: Am Computer werden lediglich Farben abgestimmt, Kontraste verdeutlicht, Ausschnitte bestimmt. Aber das ist die einzige Manipulation, die dieser Fotograf vornimmt. Lieber arbeitet er mit verschiedenen Filtern, um ähnliche Effekte zu erzielen, die dem Betrachter die Aufmerksamkeit steigern. (…)

    Nicht nur Straßenszenen, auch Landschaften lassen sich nachstellen oder gar neu komponieren. (…) In dieser Hinsicht ist Michel Bieler-Loop ein Traditionalist. Er komponiert nichts hinzu. Ihm fällt aber auch das Motiv nicht einfach so zu. Es attackiert ihn nicht, wie Ewitt von sich behauptete. Das sind wohl Mythen, solche Behauptungen. Die Bieler-Loop-Realität sieht anders aus: Ich las einen Beitrag, dass er, um eine außergewöhnliche Bildidee zu verwirklichen, ein Jahr gewartet hatte, bis alle Komponenten seinen Vorstellungen entsprochen haben. Respekt!

    Will sagen: Dieser Fotograf drückt nicht einfach auf den Auslöser, der ein Bild bedeutet. Um eine Aufnahme von zusammen geschobenen Eisplatten am Untersee einzufangen, wandert er auch mal stundenlang in der Kälte herum. Das Ergebnis ist dann doppelt authentisch.

    Auch in dieser Hinsicht ist er ein Traditionalist. Er geht – wie der klassische Reportertyp – noch raus. (…) Michel Bieler-Loops hellichte Fotografie riecht – auch wenn die Menschen fehlen – nach Wirklichkeit, sie riecht nach Kunst und – eben – nach Heimat, nach unser aller Bodensee-Heimat. Aus Erfahrung. Aus eigener Erfahrung. Aus Selbsterfahrung. (…)

    Es ist nicht so, dass Michel Bieler-Loop die Bodenseefotografie erfunden hätte. Es gibt Vorgänger, vielleicht auch Vorbilder. (…) Eine eigene Handschrift zu entwickeln vor einem solchen professionellen Hintergrund ist eine Herausforderung. Michel Bieler-Loop hat sie lächelnd angenommen. Er kann nur gewinnen. Er hat dieses Selbstbewusstsein. Auch in seiner eigentlichen Profession.

    Das unbescheidene Ziel seiner Fotografie ist Schönheit – neben der Idee der reinen Fotografie. Wir sehen die Natur auf das Ursprüngliche reduziert – vielleicht noch auratischer in seinen Bildern von Neuseeland und Island. (…) Die Eingriffe der Zivilisation – sie werden in diesem Material in die Ecke verbannt. Aber auch nur soweit, dass wir noch erkennen können, dass diese Schönheit einen Wert an sich hat. Anders gesagt: Michel Bieler-Loop bietet mit dieser Fotografie nicht nur ein ins Allerschönste gesteigerte Bild einer idyllischen Landschaft, er liefert damit zugleich allerbeste Argumente für ihren Erhalt bzw. gegen ihre Zerstörung. Insofern sind diese Fotografien auch Mahnung, ohne penetrant pädagogisch zu werden.

    Man kann das nicht oft genug zeigen, man kann das nicht oft genug sehen: diesen See, der am Untersee das Wort “Gnade” mit sich führt. Zum Frommwerden schön. Und was das Prinzip der Serie angeht, das auch der Fotoarbeiter Bieler-Loop kennt: Marcel Proust meinte einmal, dass sich erst in der Wiederholung die Meisterschaft zeige… Das meint nicht Routine. Jedes Motiv, jedes Bild bleibt ein Zähmungsvorgang. (…)

    Es gibt ein Bodensee-Buch, an das ich sofort denken musste, als ich die ersten Reichenau-Fotografien von Michel Bieler-Loop sah. Es heißt “Heimatlob” (1978), es ist eine Hommage an die Region. Der in Nußdorf lebende Schriftsteller Martin Walser hat getextet (…). Es ist der Ton der lyrischen Walser-Sätze, der mich fasziniert. Die Fotografien von Michel Bieler-Loop kennen diesen Ton.

    Ich  möchte mit einem Auszug quasi als Beleg für meine Sehweise aus dem walser‘schen Hymnus meine Lobrede beenden, die mir im Übrigen leicht gefallen ist. Aber hören Sie:

    “Unsere Hügel sind harmlos. Der See ist ein Freund. Der Himmel glänzt vor Gunst. Wir sind in tausend Jahren keinmal kühn. Unsere sanften Wege führen überall hin. Wir schmeicheln uns weiter und wecken jede Stelle durch einen Kuss. Kirschen, Äpfel, Trauben und Birnen reichen sich glänzend herum. Zwischen wachsamen Heiligen lachen wir laut. Die Luft ist süß von Geschichte, von Durchdachtheit klar. Der Föhn malt auf Goldgrund die Nähe der Unendlichkeit. Wer Möwen möchte, braucht nur an Brot zu denken, und sie machen für ihn Kunstflugtag. Schwäne ziehen als andere Gedanken im Wasser die kurze Spur der Gegenwart…””

    SIEGMUND KOPITZKI, Kulturjournalist & Autor

     

    Anfahrtsbeschreibung reichert & reichert, Reichenaustraße 19a, Konstanz

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